Eine Zusammenarbeit von Studierenden der
Fachhochschule Köln und der Technischen Universität Dortmund
bild
 
 
« A Wall Is a Screen – Wände werden zu Leinwänden Ein Frauenpreis für eine Männerdomäne »

Die Kamera als Vergrößerungsspiegel

ifff09_johannaEin Saal voller jugendlicher Schüler und Schülerinnen ist allein schon ein Kinoereignis der besonderen Art: Der Weg hoch zu den letzen freien Plätzen gegen eine Lärmwand – „Johanna sucht das Glück“ läuft im Schulfilmprogramm und zwar in Anwesenheit der Regisseurin Marion Kainz, die bei diesem Film auch Drehbuchautorin und Kamerafrau war.
„Ist Johanna auch da?“, ruft jemand aus dem Publikum, bevor der Film losgeht. Nein, Johanna ist nicht da. „Die reist durch die Weltgeschichte“, weiß Marion Kainz. Marion Kainz ist eine der wenigen, die es wissen können. Sie begleitete Johanna drei Jahre lang bei ihrem Ausbruch, Aufbruch in die Freiheit, wurde sogar ihre Freundin.

Johanna ist ein Mädchen, das im Berlin nach der Wende allein mit seiner Mutter aufwächst. Mit der Pubertät bricht Johanna auf, um ihr Glück zu suchen. „Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten zu leben, das ist echt der Hammer“, sagt sie an einer Stelle. Viele unterschiedliche Möglichkeiten zu leben probiert sie dann auch aus.

Im Kinosaal verstummt die Lärmwand mit Filmbeginn schlagartig – na ja, fast. Was in den folgenden 82 Minuten zu sehen ist, ist mehr als eine gewöhnliche Pubertätsgeschichte. Johannas Weg führt unter anderem zu Seelenheilerinnen, Goa-Festivals und Hare-Krishna-Sessions.

Die Regisseurin Maria Kainz begegnet der 13-jährigen Johanna zufällig: Sie kommt während eines Spaziergangs auf dem Prenzlauer Berg mit fünf schnorrenden Mädchen ins Gespräch. Die Mädels wollen Geld, um sich Kuchen kaufen zu können, sagen sie. Marion Kainz lädt sie ins Kaffee ein.  Dort sitzt auch Johanna. Sie fällt Marion Kainz auf, weil sie schon sehr reif und reflektiert ist. Zunächst entsteht die Idee, einen Film über die Gruppe zu machen. Eine sehr heterogene Gruppe ist das, vom Hippie bis zur Rechtsradikalen. Doch als Marion Kainz das Okay für die Produktion bekommt, ist die Gruppe schon wieder auseinandergesprengt. Übrig bleibt Johanna. Johanna, das Mädchen, das ganz frei sein möchte.

Über jemanden, der sich an keine Regeln halten möchte, einen Dokumentarfilm über einen längeren Zeitrum zu drehen, bedeutet ein hohes Risiko. Das erfuhr Marion Kainz drei Jahre lang. Drehaufnahmen mit Johanna zu planen, war schwierig bis unmöglich. Monatelang hat sie Johanna überhaupt nicht filmen können. Trotzdem gelang es Marion Kainz, einen engen Kontakt zu ihr aufzubauen.

Sie ist mit der Kamera dabei, als Johanna mit ihrer Mutter streitet. Sie ist dabei, als sie sich entschließt, von zu Hause auszuziehen. Und sie ist dabei, als Johanna entscheidet, keinen Schulabschluss zu machen. Ob Johannas Weg an der einen oder anderen Stelle anders verlaufen wäre ohne Kamerapräsenz? Johanna habe einmal gesagt, sie reflektiere durch die Kamera, sagt Marion Kainz. Die Regisseurin betrachtet die Kamera eher als Vergrößerungsspiegel dessen, was ohnehin Realität ist. Sie denkt nicht, dass Johanna sich von ihrem Weg auch ohne Kamera hätte abbringen lassen. Man kann das glauben nach diesem Film.

Und wie kommt Johannas Geschichte bei den jugendlichen Zuschauern an? Spontanen Applaus gibt es. Aber bis auf zwei (in Worten: zwei) Schülerinnen verlassen alle mit dem Abspann den Saal. Keine Fragen? Das abschließende Gespräch mit der Regisseurin stellt Erwartungen auf den Kopf – die verbliebenen Schülerinnen äußern sich konservativ: Jemand hätte Johanna Grenzen setzen müssen. Die Erwachsenen unter den Zuschauern (Elterngeneration), auch Lehrerinnen, zeigen sich eher fasziniert von Johannas Reife und ihrem eigenständigen Denken. Eine Zuschauerin bringt die Eindrücke der erwachsenen Zuschauer auf den Punkt: Einerseits hat sie Angst um Johannas Zukunft. Andererseits spricht sie aber auch von ihrer Faszination gegenüber einem jungen Menschen, der so kompromisslos sein Ideal verfolgt.

Nein, Johanna war nicht da am Freitagvormittag im Dortmunder CineStar. Nachdem man den Film gesehen hat, weiß man, wie weit ab von der Realität die Frage danach war. Johanna war zwar nicht da, aber dennoch präsent.

Wo immer du auch gerade dein Glück suchst, Johanna: Es gibt ‘ne Menge Leute, die dir wünschen, dass du es findest.

Birgit Pieplow

Tags:

Der Beitrag wurde am Freitag, den 24. April 2009 um 18:26 Uhr veröffentlicht und wurde unter Thema Freiheit abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

2 Reaktionen zu “Die Kamera als Vergrößerungsspiegel”

  1. Michael

    Sehr interessanter Artikel.Ich bin begeistert von der Geschichte von Johanna und finde die Idee für Schulfilmprogramm eigentlich sehr gut.

  2. Markus

    Bravo! Diesen, Deinen Blog-Artikel sollten Menschen nicht nur lesen, sondern auch überdenken, die notwendigen Rückschlüsse ziehen und ihr weiteres Handeln danach ausrichten.

Einen Kommentar schreiben