Eine Zusammenarbeit von Studierenden der
Fachhochschule Köln und der Technischen Universität Dortmund
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Adel auf dem Radl

Schloss

Standesgemäßer Wohnsitz - das Bild stammt von www.pixelio.de

Lebenswelten adliger Frauen in Deutschland
Man trifft sich – man kennt sich. Es ist ein Reigen immer wiederkehrender Bälle und Veranstaltungen, auf denen man den immer selben Gesichtern begegnet: Handkuss, Lächeln, ein Austausch von Komplimenten und Platituden – das aber mit strengem Dresscode. Julia von Heinz gewährt in ihrem Film „Standesgemäß“ skurrile Einblicke in die Lebenswelt adliger Frauen.

1918 mit der Abschaffung der Privilegien des Adels in Deutschland, organisierte sich dieser neu, und zwar nach dem „Mannesstammprinzip”. Während ein männlicher Adeliger ohne weiteres eine Bürgerliche durch Heirat in seinen Stand erheben kann, verhält es sich bei den Damen umgekehrt: Sie verlieren ihren Titel und ihren Platz in der Gesellschaft. Sie fallen aus dem System.

Nach Änderung des Namensrechts 2005 ist rechtlich sowohl die Variante denkbar, dass die adlige Dame ihren Namen auch nach der bürgerlichen Eheschließung behält, ihr Ehemann Herr Müller den seinen ebenso, oder sogar – undenkbar – Herr Müller quasi per Heirat geadelt wird. Dieses Recht besteht jedoch nur auf dem Papier und eine solche Ehe wird in Adelskreisen aufs Schärfste geahndet: Frau Müller wird umgehend aus sämtlichen Adelsvereinigungen „entlassen“, erhält keinerlei gesellschaftliche Einladungen mehr, wird im schlimmsten Fall sogar von der eigenen Familie verstoßen. Legt Baroness also Wert darauf blaublütig zu bleiben, heiratet sie Adel oder bleibt allein.

Drei Lebenswege adliger Frauen in Deutschland hat Julia von Heinz – selbst mit einem bürgerlichen Mann verheiratet – mit der Kamera begleitet. Drei Portraits, für die sich ihr Türen geöffnet haben, die ihr ohne den eigenen Titel möglicherweise verschlossen geblieben wären. Befragt zur Rolle des Adels in der Gesellschaft fallen Begriffe wie „gesellschaftliche Verantwortung“, „Kulturvermittlung“ oder auch die „Abgrenzung über Sitten und Manieren“. Man geht auf die Jagd, lädt zum Tee oder veranstaltet Radtouren für adlige Teenager – in Vorbereitung auf den zukünftigen Heiratsmarkt. Eins wird klar: Man bleibt unter sich.

Baronesse Alexandra von Beaulieu Marconnay, Gräfin Alexandra von Bredow oder Verena von Zerboni di Sposetti – keine der Drei hat bisher ein Lebenskonzept gefunden, um die beiden Welten zu vereinen, in denen sie leben, und die täglich aufs Neue aufeinanderprallen. 
Eine verharrt in der Rolle der ewigen Tochter, stets unter Kontrolle von „Mutti“, die die täglichen Übungen auf der Oboe streng überwacht und die kleine, mit Memorabilien vollgestopfte Wohnung  teilt. „Pappi“ ist vor zwei Jahren verstorben, bis dahin waren die drei ein „perfektes Trio“.

Die Zweite hat sich nach einer Phase des Jet-Set-Lebens in Hong Kong zurückgezogen, malt und befragt die Tarot-Karten zum Verbleib des Mannes, der sie „so nimmt wie sie wirklich ist“. Erst zum Ende des Films taucht unerwartet ein ebenfalls adliger Herr auf, der bereitwillig Hund und Hochsitz mit ihr teilt.

Die dritte und jüngste der Frauen hat zunächst den Vorstellungen der Eltern nach Studium und Karriere entsprochen, fiel jedoch mit Beginn der Ausübung des Anwaltsberufs in eine tiefe Depression, deren Ausweg sie für sich in einer Schneider-Ausbildung an der Stuttgarter Oper fand. Handwerk und Adel – unvereinbar in den Augen ihres Vaters – und er behielt Recht mit seiner Vermutung, ihr adliger Freundeskreis werde sich durch diese Veränderung wohl stark dezimieren. In einer Parallelwelt sieht sie sich, den einen zu gewöhnlich, den Gewöhnlichen zu abgehoben – „eine Lebensform, die es so noch nicht gibt“.

Eins eint die drei portraitierten Frauen, so unterschiedlich sie auch sein mögen: ihre Einsamkeit. Unverheiratet, auf der Suche nach der großen Liebe, die auch noch das passende „von“ im Gepäck hat, auf der Suche nach sich selbst zwischen den antiquierten Rollenmustern ihrer Erziehung und den Anforderungen der modernen Welt. Die Erwartungen der Eltern an standesgemäße Enkelkinder enttäuscht, und auch der wirtschaftliche Nutzen des Titels blieb in den drei dargestellten Fällen aus: Schloss verkauft, vielversprechende Karriere abgebrochen, antike Möbel mischen sich mit Einbauküche und Futon-Bett.

Julia von Heinz gelang mit ihrem Film ein faszinierender Einblick in fremde Welten. Ihre Kamera ist den drei Frauen so nah, dass man mitunter das Gefühl hat, diese wie durch ein Schlüsselloch zu beobachten. Manche Situationen oder Zitate wirken so überspitzt, dass sie in einer fiktiven Handlung hemmungslos unglaubwürdig wirken würden. „Adel verpflichtet“, das trifft auch heute, drei Generationen nach Aufhebung aller Privilegien noch zu. Wozu allerdings bleibt in den drei Portraits unklar – dem Zuschauer wie auch den Frauen selbst.

Der Beitrag wurde am Samstag, den 25. April 2009 um 22:59 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Filmrezensionen abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

Eine Reaktion zu “Adel auf dem Radl”

  1. Ralf

    Sehr interessanter Artikel.Ich dachte es gibt nicht mehr adlige Frauen und überhaupt diesem Typ Menschen,ist aber schon wahr!Das ist doch sehr schön:)Tolle Seite!

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