Eine Zusammenarbeit von Studierenden der
Fachhochschule Köln und der Technischen Universität Dortmund
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Die Sphinx und der (Aus-)Blick auf Freiheit – Versuch über Film und Fokus: Freiheit

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„Daß eine Sphinx uns anblickt, wenn wir der Freiheit ins Gesicht sehn, sollte uns nicht wundern.“
In der griechischen Mythologie gibt es ein Wesen, das zum Sinnbild (rätselhafter) Geheimnisse geworden ist: die Sphinx. Sie hat den Körper eines geflügelten Löwen und den Kopf einer Frau und sitzt vor den Toren Thebens. Jedem und jeder Vorüberkommenden gibt sie ein Rätsel auf. Wer dieses nicht zu lösen vermag, wird von ihr getötet, genauer gesagt: gefressen.

Sie wird deshalb auch im sophokleischen König Ödipus „gnadenlose Sängerin“, „hündische Sprüchespinnerin“, auch „geflügelte Jungfrau“ oder „krummklauige Jungfrau“ genannt. Schließlich wird sie von einem der größten, männlichen Protagonisten des abendländischen Theaters besiegt: von Ödipus, der des Rätsels Lösung, die simple Antwort „der Mensch“, weiß. Die Sphinx stürzt sich daraufhin in einen Abgrund …
Mit dem Sieg über die Sphinx wird gewissermaßen das Rätselhafte, das Geheimnisvolle, das Magische, Zauberhafte zugunsten des Rationalen ins Dunkel herabgesetzt. Der Verstand durchschaut das geheimnisvolle Rätsel. Die Sphinx verschwindet im Abgrund und somit die Verkörperung des rätselhaften Gesangs.

Die weibliche Codierung der Sphinx (obschon ihr Geschlecht nicht eindeutig ist) und die Aura des Geheimnisses, des Magischen, der Bedrohung, die sie umgibt, weisen große Ähnlichkeiten mit Zuschreibungen auf, die Medien erfahren. Etymologisch kann das lateinische Sphinx (gr. Sphígx) in Verbindung mit dem griechischen sphíggein gebracht werden: „(durch Zauber) festbinden“. Dass Medien be- und verzaubern können, gar fesseln oder festbinden, ist eine Wirkung, die sich am frühen Kino und seiner Rezeption zeigt. Dieses Phänomen beschreibt Tom Gunning als „Kino der Attraktionen“. Primär bestaunte man, so Gunning, die Technik, die Apparaturen, das Medium selbst. Die Verzauberung durch den Apparat, das Bestaunen der Technik als fester Bestandteil der Filmwahrnehmung arbeitet(e) dem passiven, kontemplativen Versunkensein (in der Narration hinter der Leinwand) entgegen. Dieser ‚Zauber’ des Kinos ermöglicht Distanz, Erkenntnis, Freiheit im ‚Hier und Jetzt’.

Dieser ‚Zauber’ kann auch ein Mittel im heutigen Filmschaffen sein. Das heutige Publikum hat sich durch die Etablierung des Kinos in der abendländischen Kultur und durch seinen ‚Gebrauch’ eine Art ‚Lesekompetenz’ im Ungang mit Filmen erworben. Diese audiovisual literacy unterscheidet das heutige Publikum von dem Publikum der letzten Jahrhundertwende, in der Kino/Film ein neues, junges Medium darstellte. Trotzdem bleiben den heutigen Filmschaffenden im Zuge der filmtechnischen Entwicklungen, deren Produkte selbst Staunen machen, Möglichkeiten diesen verrückten, anti-kontemplativen ‚Zauber’ entstehen zu lassen.

Als ein Beispiel wäre der Einsatz des Soundsystems denkbar. Wird der Surround-Sound illusionistisch eingesetzt und lenkt er den Blick auf das Bild der Leinwand bzw. belässt er ihn dort unter dem Primat der Diegese: Ein Raumschiff fliegt über unsere Köpfe hinweg und erscheint in Echtzeit auf der Leinwand. Oder aber die Technik wird zum Mittel der ‚Störung’, indem sie die ZuschauerInnen auf sich selbst zurückverweist und bewegt: Ein auf der Leinwand nicht zu verordnendes Geräusch oder eine Anrede hinter uns veranlasst zum Umdrehen, Umschauen. Vielleicht ist im Einsatz der Off-Stimme(n) in Marguerite Duras’ Filmen ein ähnlicher ‚Zauber’ am Werk…

Der Gesang der Sphinx, der die Vorbeikommenden verzaubert und ihnen gleichsam ein Rätsel aufgibt, sie nach Sinn und Bedeutung fragt, ist auch in mutigen, engagierten Filmen zu vernehmen.

Der Dramatiker Heiner Müller schrieb in seiner Hommage an Pina Bausch 1981: „Daß eine Sphinx uns anblickt, wenn wir der Freiheit ins Gesicht sehn, sollte uns nicht wundern.“ Der (An-)Blick der Sphinx, der ein (Aus-)Blick auf Freiheit ist, ist zu ersehnen wie Filme, die ‚durch Zauber festbinden’ und gleichsam befreien, ent-fesseln

Tim Christmann

Der Beitrag wurde am Samstag, den 18. April 2009 um 13:23 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Thema Freiheit abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

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