Eine Zusammenarbeit von Studierenden der
Fachhochschule Köln und der Technischen Universität Dortmund
bild
 
 
« Sabine Schöbel ‑ ein Portrait About bizarre relationships and spirituality »

Gabriele Monroy: „Der Kampf um Visa ist die Geschichte meines Lebens“

monroy_mg_0410bloggroseDie mexikanische Videokünstlerin und Grafikdesignerin Gabriela Monroy lebt und arbeitet in New York und Berlin. In ihrem Projekt ‚Borderline Disorder’ beschäftigt sie sich mit dem über 1100 km langen Grenzzaun, der Mexiko von den USA trennt. Im Interview spricht sie über ihren Status als ,Ausländerin mit außergewöhnlichen Fähigkeiten‘ und ihren immerwährenden Kampf um Visa.

Sie haben 12 Jahre in den USA gelebt und sind auch sonst viel gereist. Hatten Sie oft Probleme mit Grenzen?
Der Kampf um Visa ist die Geschichte meines Lebens. Ich kam mit einem Studentenvisum in die USA. Jedes weitere Visum war mit unzähligen Briefen, Empfehlungsschreiben von Freunden, Behördengängen und Arbeitsnachweisen verbunden. Für mich als Frau war es schon schwer, ein Visum zu bekommen, obwohl ich studiert habe. Mein Schwager, der ebenfalls einen Studienabschluss hat, hatte überhaupt keine Chance. Ohne Arbeit ist es für einen jungen Mexikaner unmöglich, die Grenze zu den USA legal zu überqueren. In meinem letzten Visum hatte ich den Status eines ‚Ausländers mit außergewöhnlichen Fähigkeiten’. Dieser Begriff ist so absurd, dass er mir schon wieder gefällt.

Was wollen Sie mit den Kurzfilmen “Borderline Disorder” vermitteln?
Die Filme sind nicht politisch zu verstehen. Ich wollte einen humorvollen Blick auf die Situation an der Grenze werfen. Für die US-Border Patrol habe ich das heroische amerikanische Symbol des Cowboys gewählt. Dieser steht für Macht, Männlichkeit, Machismus und Technologie. Dieser geballten Kraft stehen in der Wüste besitzlose Mexikaner gegenüber, die nur auf der Suche nach einem Job sind. Hier prallen Hightech und der Kampf ums nackte Überleben aufeinander. Das ist eine lächerliche Situation. Genau wie die des Paares in ‚Picknick’. Das Paar müsste nur ein paar Schritte ins Meer und könnte so den Zaun umgehen, der sie trennt. Aber sie wollen sich an die Gesetze halten und verbringen ihre seltene gemeinsame Zeit deshalb durch einen Zaun getrennt. Das ist doch absurd. Um diese Menschen zu trennen und aufzuhalten, wird so viel Technik und Technologie investiert. Ein einziges neues Gesetz würde reichen, um den Grenzübertritt zu legalisieren.

Warum ist die Grenze heute ein so großes Problem?
Früher war das Überschreiten der Grenze kein Problem. Für Mexikaner ist die Familie sehr wichtig. Also gingen sie für ein halbes Jahr in die USA, um Geld zu verdienen, und kehrten danach zu ihren Familien zurück. Von diesem Kreislauf profitierten beide Seiten, bis die Grenze geschlossen wurde. Nun holen nämlich die in den USA arbeitenden Mexikaner ihre Familien zu sich. Somit wurde Einwanderung, besonders die illegale, zu einem Massenphänomen und einem echten Problem.
Auch die Flucht über die Grenze ist nun eine echte Lebensgefahr. Die Menschen müssen die Wüste Arizonas durchqueren, nachdem die Grenze zwischen Tijuana und Kalifornien dicht gemacht wurde. Viele von ihnen verlaufen sich und verdursten. Darüber hinaus gibt es in Arizona ein neues Gesetz, dass zwischen Schmugglern und Flüchtlingen nicht mehr unterschieden wird. Davor wurden Schmuggler verhaftet und illegale Einwanderer zurückgeschickt. Heute werden pauschal alle verhaftet und oft genug gedemütigt.

Glauben Sie, dass sich an der Situation etwas ändern wird?
Nein, das glaube ich nicht. Beide Seiten haben großes wirtschaftliches Interesse daran, dass die Situation so bleibt. Mexiko exportiert Nahrungsmittel in die USA und importiert Waffen, während die USA von billigen Arbeitskräfte und Drogen aus Mexiko profitieren. Dies sind alles – ob legal oder illegal – riesige Wirtschaftszweige. Die Arbeiter, die ohne Arbeitserlaubnis auf den riesigen Farmen in Kalifornien arbeiten, tun dies oft unter extremsten Bedingungen. Das heißt Schwerstarbeit, weder Pausen noch Sonnenschutz. Dabei werden sie oft um ihr Gehalt betrogen oder sterben sogar an einem Hitzschlag oder verdursten. Aber weil sie billig, effektiv und jederzeit abschiebbar sind, werden sie von der Regierung geduldet.

Ihre Experimentalfilme leben von Bildern, gesprochen wird nur sehr wenig oder gar nicht.
Mich interessiert am meisten die Kraft von Bildern. In den Medien werden Bilder oft manipuliert, um unterschwellig Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen. Wenn Mexiko in den Medien auftaucht, werden Texte, die an sich nicht negativ sind, oft so bebildert, dass ein negativer Gesamteindruck entsteht. Auch wenn in Artikeln im Zusammenhang mit Migration Phrasen wie „einfallen“ und „überschwemmen“ verwendet werden, wird das Bild der Öffentlichkeit negativ beeinflusst. Sich abseits von den Medien umfassend über dieses Thema zu informieren, ist allerdings sehr schwierig. Ich möchte die Menschen zum Nachdenken bringen, indem ich ihnen auf ironische Weise die ganze Absurdität dieses Grenzzauns aufzeige.

Selina Duelli

Tags: , ,

Der Beitrag wurde am Freitag, den 24. April 2009 um 10:59 Uhr veröffentlicht und wurde unter Interviews, Thema Freiheit abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

Einen Kommentar schreiben