Entspann dich! – Ein Interview mit Regisseurin Urszula Antoniak
Vor der Preview ihres Films NOTHING PERSONAL hatten wir Gelegenheit, ein Interview mit der Regisseurin Urszula Antoniak zu führen. In Anlehnung an den berühmten Fragebogen von Marcel Proust stellten wir der gut gelaunten und sichtlich entspannten Antoniak – leicht modifiziert – die Fragen, die schon in den Pariser Salons der 1920er Jahre zum beliebten Gesellschaftsspiel avancierten. Lesen Sie Antoniaks Antworten – leicht gekürzt und ins Deutsche übersetzt.
Festival-Blog: Ihr Film hat auf den europäischen Festivals zahlreiche Preise eingeheimst. Überrascht Sie der Erfolg?
Antoniak: Ja, es ist erstaunlich. In Holland ist es uns gelungen, alle bisherigen Besucher-Rekorde von Arthouse-Filmen in den Schatten zu stellen. Zumal wir mit bescheidenen 16 Kopien gestartet sind. Mittlerweile wird der Film in 16 Ländern gezeigt, was ein großer Erfolg ist, da es sehr schwer ist, die Grenzen des Landes zu überschreiten, für dessen Publikum der Film produziert wurde.
Festival-Blog: Wir hoffen, dass Ihr Film auch in Deutschland Erfolg haben wird. Das an Arthouse-Filmen interessierte Publikum hier ist naturgemäß wesentlich größer als in Holland.
Antoniak: Es gibt auch einige kulturelle Unterschiede. Man kann das auch an der Programmgestaltung im Fernsehen verfolgen: In Frankreich zum Beispiel ist die beliebteste TV-Sendung eine Sendung über Literatur. In Holland ist es eine Sendung über Sport. Die Deutschen wiederum bringen ein großes Interesse für kulturelle Themen auf.
Festival-Blog: Wir würden Ihnen gerne einige Fragen im Stil eines von Marcel Proust inspirierten Fragebogens stellen.
Antoniak: (lacht) Ich kenne den Fragebogen von Facebook. Man hat dort die Möglichkeit, ihn zu beantworten.
Festival-Blog: Was schätzen Sie am meisten an sich selbst?
Antoniak: Meinen Sinn für Ironie.
Festival-Blog: Was genau mögen Sie nicht an sich?
Antoniak: Meinen Sinn für Ironie (lachend). Oder meine Hartnäckigkeit, was aber auch eine Tugend ist.
Festival-Blog: Welches politische Projekt würden Sie gerne beschleunigt wissen?
Antoniak: Die Emanzipation der Männer. Wir brauchen emanzipierte Männer. Den heutigen Männern fällt es schwer, sich selber zu definieren. Ihre Situation ist vergleichbar mit der der Frauen in den 1960er-Jahren.
Festival-Blog: Was treibt Sie an? Auf Ihr Leben und auf Ihre Arbeit bezogen?
Antoniak: Mein Wunsch nach Wissen. Ich möchte immer mehr und mehr wissen.
Festival-Blog: Ihre Lieblingsgestalt in der Vergangenheit?
Antoniak: Arthur Schopenhauer. Ich liebe seine Philosophie und sein Werk „Parerga und Paralipomena“. Das müssen Sie unbedingt lesen. Kleine Schriften mit Kommentare über vielfältige Bereiche des Lebens.
Festival-Blog: Stellen Sie sich vor, Sie wären Anne, die Protagonistin aus Ihrem Film „Nothing Personal“. Wohin würden Sie fliehen, um alleine zu sein? Würden auch Sie Irland bevorzugen?
Antoniak: Ja, würde ich.
Festival-Blog: Auch in dasselbe Haus?
Antoniak: Das wäre toll, aber es ist leider nicht möglich, da man das Haus nicht mieten kann. Das ist aber meine Vorstellung, wenn ich an die Einsamkeit denke. Nicht in dem radikalen Sinne, wie Anne es lebt. Viele Künstler leben dort. Zum Beispiel Michel Houellebecq. Er schreibt dort seine Bücher. Der Platz ist sehr isoliert und last but not least: Man zahlt dort keine Steuern als Künstler.
Festival-Blog: Wem würden Sie eine Medaille verleihen und warum?
Antoniak: Meiner Mutter. Sie hat einen unglaublich starken Lebenswillen. Sie ist eine sehr starke und bewundernswerte Frau.
Festival-Blog: Auf welchen persönlichen Erfolg sind Sie sehr stolz?
Antoniak: Ich bin sehr stolz auf meine Erfahrung im Umgang mit Einsamkeit.
Ich habe gelernt, was es heißt alleine zu sein, nur so habe ich gelernt, mit mir selber umzugehen.
Festival-Blog: Viele Leute haben ein Problem mit der Einsamkeit.
Antoniak: Und daher haben auch viele Menschen 500 Freunde in Facebook. Sie brauchen den Trubel um sich herum.
Festival-Blog: Wann haben Sie sich das letzte Mal selbst gegoogelt?
Antoniak: Jeden Tag. (lacht) In der letzten Zeit habe ich viele Preise gewonnen und daher ein besonderes Interesse, das ganze Geschehen im Internet zu verfolgen. Vor zwei Tagen habe ich mein neues Projekt vorgestellt. Die Cinéfonation L’Atelier in Cannes wählt jedes Jahr 15 Scripte aus der ganzen Welt aus und stellt sie vor. Mein Script wurde erfreulicherweise erwählt. Aus diesem Anlass habe ich mich zuletzt gegoogelt.
Festival-Blog: Ihr Lieblingsfilm?
Antoniak: Taxi Driver.
Festival-Blog: Als Kind wollten Sie sein wie…
Antoniak: Nein, also ich hatte damals kein bestimmtes Vorbild.
Festival-Blog: Ihre Mutter?
Antoniak: Nein, sie hatte ein zu hartes Leben. Ich hingegen ein sehr viel leichteres. Wir sind Juden. Meine Mutter hat zusammen mit ihrer Mutter den Holocaust überlebt. Keine Situation, mit der man tauschen möchte.
Festival-Blog: Wie entspannen Sie sich am besten?
Antoniak: Beim Lesen von Büchern.
Festival-Blog: Welcher Versuchung können Sie nicht widerstehen?
Antoniak: (lacht) Filme anschauen. Ich bin süchtig nach Filmen.
Festival-Blog: Was war Ihr schönster Lustkauf?
Antoniak: Erst gestern habe ich etwas gekauft, das ich gar nicht gebrauchen kann. Jedoch konnte ich der Versuchung nicht widerstehen. Es war ein Bierkrug aus München, wo ich gestern meinen Film vorgestellt habe.
Festival-Blog: Welches Lied singen Sie gerne?
Antoniak: Die Arie der Königin der Nacht aus der Oper „Zauberflöte“ von Mozart. Ich versuche es zumindest zu singen. Ein schwieriges Stück, deshalb singe ich es nur, wenn ich alleine bin.
Festival-Blog: Schenken Sie uns eine Lebensweisheit!
Antoniak: „It´s not for us to struggle after tiresome perfection.“ Anders gesagt: Entspann dich! Sogar wenn wir nach der Vollkommenheit streben oder kämpfen, werden wir es nicht zu 100 Prozent erlangen, da wir auch nur Menschen sind. Dennoch ist es gut, für etwas zu kämpfen.
Festival-Blog: Für welchen Maler würden Sie viel Geld ausgeben?
Antoniak: Für Bilder von Paolo Uccello und Paul Klee.
Festival-Blog: Ihr Lieblingskomponist?
Antoniak: Mozart.
Festival-Blog: Wo hätten Sie gerne Ihren zweiten Wohnsitz?
Antoniak: In Berlin. Berlin ist zurzeit einer der angesagtesten Plätze auf der Welt. Die Atmosphäre macht Berlin so besonders. Es ist nicht allzu teuer und nicht zu vornehm. Es ist groß genug, um sich zu verlieren, aber trotzdem ist es sicher. Es erinnert mich an Polen, damals in den 70ern.
Festival-Blog: Was können Sie besonders gut kochen?
Antoniak: So einfache Sachen wie Nudeln und Eier. (lacht) Das Kochen liegt mir nicht so sehr.
Festival-Blog: Was wäre für Sie das größte Unglück?
Antoniak: Meinen Verstand zu verlieren.
Festival-Blog: Mit welcher Person würden Sie gerne einen Monat tauschen?
Antoniak: Mit einer Opernsängerin. Ich liebe die Oper. Es ist erstaunlich, mit welcher Stimme sie die Oper bereichern. Nur wegen der Stimme würde ich gerne einmal eine Opernsängerin sein. Die Tatsache im Mittelpunkt bzw. auf der Bühne zu stehen, ist für mich nicht so wichtig.
Festival-Blog: Jetzt können Sie drei Bücher loben.
Antoniak: „Der Untergeher“ von Thomas Bernhard, „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann und „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow.
Festival-Blog: Wo bleiben Sie beim Zappen hängen?
Antoniak: Bei guten Filmen, die meine Aufmerksamkeit erregen.
Festival-Blog: Wo zappen Sie immer weg?
Antoniak: Bei Sportsendungen. Es ist idiotisch, über Sport zu diskutieren. Man treibt Sport, aber man redet nicht drüber.
Festival-Blog: Würden Sie uns Ihre Lieblings-Schauspielerin verraten?
Antoniak: Isabelle Huppert.
Festival-Blog: Ihr Lieblings-Schauspieler?
Antoniak: Daniel Day-Lewis.
Festival-Blog: Ihre Lieblings-Regisseurin?
Antoniak: Lucrecia Martel. Sie hat bis jetzt drei Spielfilme gedreht und ich hoffe sehr, dass weitere folgen. Sie ist etwas Besonderes und auch die Art und Weise, wie sie die Sounds verwendet, ist einfach Klasse.
Festival-Blog: Was sagt man Ihnen nach? Ihre Freunde, Kollegen?
Antoniak: Die Leute finden mich einfach intensiv. Sie sagen, ich sei sehr ehrgeizig und authentisch. Das Motto der Holländer lautet: „Das Normale zu tun, ist verrückt genug“. Jedoch ist für mich nichts verrückt genug.
Festival-Blog: Wie möchten Sie sterben?
Antoniak: Vor allem schnell. Bei einem Unfall.
Festival-Blog: Was wäre Ihre Henkersmahlzeit?
Antoniak: Ein Glas Sprudelwasser.
(Das Interview führten Esra Gülbahar und Adrian Bolz)
Tags: Interview
Der Beitrag wurde am Freitag, den 2. April 2010 um 15:03 Uhr veröffentlicht und wurde unter Interviews abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen.