Balkan – Auseinandersetzung mit einem umstrittenen Begriff
Im Fokus des IFFF 2010 stehen die Länder “rund um den Balkan“. Was steckt hinter diesem Begriff? Im geografischen Kontext steht Balkan einerseits für das Balkangebirge und andererseits für die Balkanhalbinsel. Das Balkangebirge ist im Norden Bulgariens und südlich der Donau gelegen. Es verläuft 560 Kilometer in westöstlicher Richtung und bildet die natürliche Grenze zwischen Serbien und Bulgarien. In der Antike hieß das Gebirge Hemus, bevor es von der osmanischen Besetzung den heutigen Namen “Balkan” erhielt, der “Gebirgskette” bedeutet.
Mit dem Begriff Balkanhalbinsel verhält es sich ähnlich wie mit dem Begriff Balkan an sich: Es gibt keine gültige Definition. Geografisch sind einige Länder in der Region Süd-Osteuropas von Kroatien bis Griechenland und von Albanien bis Bulgarien gemeint. Gelegentlich werden aber auch die Türkei, Rumänien, Slowenien und Moldawien mit genannt. Der Begriff Balkan wird aber auch im kulturellen und geopolitischen Sinn gebraucht. So schwingen in Westeuropa mit dem Begriff Balkan meist negative Konnotationen wie z. B. „Pulverfass Europas“, „nicht zu befriedende Völker“, „Korruption“ oder „Rückständigkeit“. Vermeidliche Gründe hierfür waren zahlreiche Konflikte, Kriege und ethnische Unruhen in der Region. Das vermittelte Bild des Balkans gegenüber Resteuropas ist somit das einer Gegenwelt zur alteuropäischen Werte- und Rechtsgesellschaft, also das eines „anderen Europas“. Der Begriff Balkan wird nach diesem Verständnis auf mehr als eine historische Region am Südostrand des europäischen Kontinents angewandt: Er ist zum Synonym für eine Krisenregion geworden.
Die negativen Assoziationen mit dem Begriff wandeln sich allmählich: Der Balkan wird als Reiseziel bei Jugendlichen immer beliebter und in fast jeder westlichen Metropole gibt es mittlerweile „Balkanpartys“, auf denen zu urban-elektronischen und neuen Varianten der Melodien und Rhythmen der Region getanzt und gefeiert wird. Auch in Bulgarien ist der Begriff auf Grund der geografischen Lage des Balkangebirges positiv besetzt. Im Gegensatz zu Bulgarien distanzieren sich aber viele Länder der Region von der Bezeichnung. Wertneutraler für die Region ist der Begriff Süd-Osteuropa. Im allgemeinen Sprachgebrauch konkurriert Süd-Osteuropa heute immer noch mit Balkan als Regionalbezeichnung, da diese Bennenung griffiger zu sein scheint.
Die Bevölkerung der Region war oft Spielball der Besatzer wie z. B. des osmanischen Reiches, des römischen Reiches, Österreich-Ungarns und Russlands. Religion wurde immer wieder in der Region, wie bis zuletzt in den Jugoslawienkriegen, für territoriale und machtpolitische Interessen missbraucht. Mehr als die Hälfte der ungefähr 55 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner der Region sind orthodoxe Christen, jeweils ein Viertel sind römisch-katholische Christen und Muslime. Es existieren auch kleinere jüdische Gemeinden in der Region.
Von der Lage her war und ist der Balkan nicht nur im geografischen sondern auch im übertragenen Sinn die Verbindung zwischen Orient und Okzident, die Brücke zwischen Europa und Asien. Es bleibt abzuwarten, ob ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Staaten, Religionen und Kulturen in dieser Region langfristig wieder möglich wird.
Quellen:
1. Edgar Hösch, „Geschichte des Balkans“
2. Holm Sundhaussen, “Der Balkan als historischer Raum Europas”
3. Ulf Brunnbauer, „Europa und der „Balkan“: Fremd- und Selbstzuschreibungen“
Tags: Balkan, Diskurs, Süd-Osteuropa
Der Beitrag wurde am Montag, den 5. April 2010 um 00:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen.