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Homosexualität und Alter

Verliebt , verlobt, verheiratet – eine außergewöhnliche Geschichte? In diesem Fall: Ja! Denn in dem Dokumentarfilm Edie & Thea: A Very Long Engagement spüren die Regisseurinnen Susan Muska und Gréta Olafsdóttir der Geschichte einer lebenslangen Liebe zweier lesbischer Frauen nach, die erst heiraten können, kurz bevor der Tod sie scheidet. Ein berührender Liebesfilm, eine Liebeserklärung an das Leben. Und mehr: Der Film gibt ein Beispiel für selbstbestimmtes schwul-lesbisches Leben im Alter, ein Thema, das auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Im New York der 60er-Jahre lernen sich die in Philadelphia aufgewachsene Edie Windsor und Thea Spyer, eine aus Holland emigrierte Jüdin, kennen und lieben. Rund 40 Jahre später, im Mai 2007, schließen sie in Kanada, wo gerade die Homo-Ehe erlaubt worden ist, auch vor dem Gesetz den Bund fürs Leben. Ringtausch zu einem Zeitpunkt,  in dem die an Multipler Sklerose erkrankte Thea weiß, dass sie nicht mehr lange zu leben hat.

Von durchtanzten Strümpfen und dem Kampf um Gleichstellung

In diesem Film, den das Internationale Frauenfilmfestival in der Sektion begehrt! zeigt, blicken wir mit Edie und Thea zurück auf ihr Leben: auf heimliche Lesben-Partys im New York der 60er-Jahre, erste öffentliche Demonstrationen für die gesellschaftliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und auf durchtanzte Strümpfe. Bilder aus dem Leben der beiden Frauen, ihre Erzählungen, aber auch die Nähe, die die Regisseurinnen zu ihren Protagonistinnen gefunden haben, lassen ein berührendes Portrait dieser Beziehung entstehen.

Ein Beispiel für selbstbestimmtes Leben im Alter

Aber nicht nur das. Die Geschichte von Edie Windsor und Thea Spyer ist auch ein Beispiel dafür, wie homosexuelle Menschen ihr Leben selbstbestimmt gestalten können – auch ihren letzten Lebensabschnitt. Zugegeben: Wenn man diesen Film anschaut, wird schnell deutlich, dass jedenfalls die komfortablen wirtschaftlichen Verhältnisse der beiden einer angenehmen Gestaltung des Lebensabend nicht gerade im Weg standen. Für viele Frauen liebende Frauen und Männer liebende Männer bringen Altern und Alter hingegen zahlreiche Probleme mit sich.

Probleme von Homosexualität und Alter

Ein Blick nach Deutschland: Schätzungsweise fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland ist lesbisch oder schwul, in den Städten liegt der Anteil sogar bei geschätzten 10 Prozent. Um Größenordnungen zu veranschaulichen: In Köln lebten im Jahr 2004 etwa 220.000 Menschen jenseits des 60. Lebensjahrs. Wenn man von einem zehnprozentigen schwul-lesbischen Bevölkerungsanteil ausgeht, bedeutet dies, dass allein in Köln damals etwa 22.000 Lesben und Schwule über 60 lebten. Die Zahl dürfte inzwischen gestiegen sein.
Die Probleme der „Gay Gray“ beginnen bei mangelnden Freizeitangeboten für homosexuelle Seniorinnen und Senioren, setzen sich fort mit fehlender rechtlicher Gleichstellung, etwa bei Hinterbliebenen-Renten, und enden (oder auch nicht) bei der Frage, wo und wie man den Lebensabend verbringen kann, wenn frau oder man sich nicht mehr alleine versorgen kann oder sogar pflegebedürftig wird.

Homosexualität in der Altenpflege: ein Tabu-Thema

Inzwischen ist die Generation von Lesben und Schwulen in die Jahre gekommen, die sich zu ihrer sexuellen Identität bekannt und seit Jahrzehnten für die Gleichbehandlung mit Heterosexuellen und den Abbau von Vorurteilen in den Köpfen vieler Menschen gekämpft hat. Sie möchten ihre individuellen Freiheiten und Bedürfnisse auch in ihrem letzten Lebensabschnitt verwirklicht sehen, fordern etwa Altersheime, Pflegedienste und Pflegeheime für homosexuelle Menschen. Ein Luxusthema, mag man meinen, wenn man sich Medienberichte über Zustände in der Altenpflege vor Augen führt. Mag sein, aber für homosexuelle Menschen ist es ein existenzielles Thema.

Angst vor Ausgrenzung und Diskriminierung

Viele Lesben und Schwule scheuen sich davor, ihren letzten Lebensabschnitt in einem heterosexuell geprägten Alters- oder Pflegeheim zu verbringen. Zu groß ist bei vielen die Sorge vor Ausgrenzung und Diskriminierung. Dies gilt vor allem für diejenigen, die sich nicht öffentlich zu ihrer sexuellen Identität bekannt haben, die sogenannten „Unsichtbaren“. Da ist die Angst, dass Pflegepersonal oder Mitbewohnerinnen und Mitbewohner Berührungsängste haben, nachdem etwa frau die freundlich gemeinte Nachfrage nach dem verstorbenen Ehemann mit einer lesbischen Lebensgeschichte beantwortet.  Ängste, dass man fortan gemieden wird.  Ängste vor den Berührungsängsten der anderen. Auch eigene Berührungsängste?
Die Angst vor Diskriminierung ist nicht verwunderlich, wenn man sich vor Augen führt, wie jung noch die Geschichte der sexuellen Aufklärung in Deutschland ist. So wurde beispielsweise erst 1994 Paragraph 175 des Strafgesetzbuchs, der den sexuellen Kontakt zwischen Männern jahrzehntelang kriminalisiert hatte, abgeschafft.

Bisher kaum Forschungsliteratur zu schwul-lesbischem Altern

Auch die Sozialforschung beginnt sich erst langsam mit den Problemen alter homosexueller Menschen zu beschäftigen. Zur Lebenssituation älter werdender und alter lesbischer Frauen etwa gibt es im deutschsprachigen Raum kaum Forschungsliteratur, so das Ergebnis einer von Rubicon, dem Beratungszentrum für Lesben und Schwule in Köln, in Auftrag gegebenen Studie aus dem Jahr 2004. „Sexualität und Alter“ erscheint schon nahezu ein Tabu-Thema, „Homosexualität und Alter“ erst recht. Nach und nach wird das Thema erst in die Altenpflege-Ausbidung aufgenommen.

Selbsthilfe: schwul-lesbische Netzwerke

Allmählich beginnen Lesben und Schwule, eigene Netzwerke aufzubauen, die eine Perspektive auf ein selbstbestimmtes Altern ermöglichen sollen. Eine Vorreiterrolle für lesbische Initiativen kommt hier dem bundesweiten Netzwerk Safia - Lesben gestalten ihr Alter zu. Bereits seit 1983 fördern, entwickeln und praktizieren Lesben über dieses Netzwerk alternative Lebens- und Wohnformen. Wohnprojekte für alte Lesben und Schwule entstehen inzwischen in einigen deutschen Städten, zum Beispiel in Hannover über die Sappho-Stiftung oder in München das Village-Haus. Ein ganz junges Projekt startete im Dezember 2009 in Köln: Villa anders, das bundesweit erste generationsübergreifende Wohnprojekt für Lesben, Schwule und Transgender. Im November 2009 gründete sich der Dachverband “Lesben und Alter“, der die spezifischen Bedürfnisse älter werdender Lesben in den Blick nimmt und versucht, diese Frauen bei der Durchsetzung ihrer Interessen zu unterstützen.

Solche Initiativen und Netzwerke stehen noch weitgehend neben den traditionell heterosexuell geprägten Einrichtungen. Eine Annäherung oder sogar Verzahnung, Integration statt Separation, könnte ja vielleicht dazu führen, dass Berührungsängste auf der einen und Ängste vor Berührungsängsten auf der anderen Seite abgebaut werden.

Sichtbarmachen statt Verstecken

„And everyone understands that in the whole world“ , sagte Edie in einer öffentlichen Erklärung zu ihrer Hochzeit vor laufenden Kameras. Dass die Gesellschaft schwul-lesbische Liebe ein Stück weit besser versteht, zumindest toleriert, dazu möge dieser Film beitragen. Edie und Thea, diese starken und lebenshungrigen Frau liebende Frauen haben ihre Liebe und die Kraft und Lebensfreude, die sie daraus gewinnen konnten, jedenfalls sichtbar gemacht – und dies mit dem Film über den Tod hinaus: Thea starb im Februar 2009.

>> Termin: 16.04.2010, 20:00, Filmforum NRW
Susan Muska und Gréta Olafsdóttir werden ihren Film persönlich vorstellen.

Quellen:
Kuratorium Deutsche Altershilfe, ProAlter 3/04
Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport: Anders sein und älter werden - Lesben und Schwule im Alter


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Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 15. April 2010 um 18:58 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen.

Eine Reaktion zu “Homosexualität und Alter”

  1. Casino mit Bonus

    Wow. Guter Schreibstil….

    Ernsthaft, du schreibst sehr gut!…

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