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Who wants to be queered?

q12Das englische Wort queer bedeutet in seiner allgemeinsten Übersetzung etwa verquer. Es wird ambivalent beansprucht und gebraucht. Zum einen wird es umgangssprachlich als abwertender Ausdruck für „schwul“ und „lesbisch“ benutzt: „You fuckin’ queer!“ In dieser Anrufung bzw. Beschimpfung offenbart ein weiterer Ausdruck im Englischen seine zwiespältige Bedeutung: to be called a name heißt nicht nur einen Namen, sondern auch einen Schimpfnamen erhalten.

q31Zum anderen wird queer seit den 1990ern als affirmative Selbstbezeichnung schwuler wie lesbischer Aktivist_innen eingesetzt und damit resignifiziert: „We’re here! We’re queer! Get used to it!“ (Queer Nation) Der Queer-Bewegung vorangegangen, wobei queer hier nicht als End- oder Höhepunkt verstanden werden soll, waren eine Vielzahl von politisch äußerst schweren Kämpfen und diversen Richtungswechseln innerhalb der schwul-lesbischen Bewegung. Ein ausschlaggebendes Ereignis war 1969 eine polizeiliche Razzia in einem schwulen Lokal, dem Stonewal Inn (Christopher Street, NYC), die zu einem Aufstand gegen die staatliche Gewalt führte und zum Anstoß einer selbstbewussten, politisch aktiven Freiheitsbewegung (Gay Liberation) wurde. Der uniformierende, sexualisierende und pathologisierende Begriff „homosexuell“ aus dem Umfeld moraltheologischer, juristischer und medizinischer Diskurse wurde durch das auf politischen Forderungen basierende gay ersetzt. Hier ging es um die Anerkennung als identitäre Minderheit: „der“ Schwule und „die“ Lesbe wurden als politische Identitäten verstanden und verteidigt.

q22Parallel zu dieser Entwicklung entstand v.a. an US-amerikanischen Universitäten neben den Gay and Lesbian Studies die Queer Theory. Den Begriff prägte Teresa de Lauretis in ihrem 1991 in der Zeitschrift differences erschienen Artikel Queer Theory: Lesbian and Gay Sexualities. Die Queer Theory kann als Ort der Dekonstruktion u.a. von Geschlecht, Geschlechtsidentität sowie sexuellem Begehren verstanden werden, die nach Judith Butler konstitutiv verschränkt sind und eine „Matrix der Intelligibilität“ bilden. In Anschluss an Michel Foucaults Sexualitätsdispositiv, geht die Queer Theory von der Heteronormativität aus: einer Norm der und zur Heterosexualität. Diese ist grundlegend in Gesellschafts- wie Geschlechterverhältnisse eingeschrieben und wirkt als Regulativ. Die binäre Geschlechterordnung und das heterosexuelle Regime bedingen und stabilisieren sich dabei gegenseitig. Zum einen geht es der Queer Theory um die Analyse der Heterosexualität in ihrer Produktivität und Historizität, als Teil eines ‚netzwerkenden’ Dispositivs aus Institutionen, Diskursen, Sprache und Praktiken. Zum anderen verfolgt sie radikal politische Ziele: die Denaturalisierung und Entkopplung der normativen Zwangsordnung von Geschlecht/Geschlechtsidentität/Begehren; die Destabilisierung des Binarismus Hetero- und Homosexualität; die Anerkennung des sexuellen Pluralismus und schließlich die Kritik stabiler, kohärenter Identitätskonzepte im Sinne der poststrukturalistischen Performativität der Geschlechtsidentität (wie z.B. auch „der“ Schwule oder „die“ Lesbe).

Who want’s to be queered? – Wer sich in Angesicht der dargebotenen Filmkunst ‚verqueeren’ lassen will, wer neue oder andere Perspektiven gewinnen will oder wer einfach ‚nur’ begehren will, besuche das Internationale Frauenfilmfestival 2010 in Köln!

(Tim Christmann)

Programm der Sektion begehrt! filmkunst queer:

  • 15. April, 17 Uhr, Filmpalette: QUEER ANIMATION (diverse Animationsfilme)
  • 16. April, 17 Uhr, Filmforum: BELONGING (CAN 08), PRODIGAL SONGS (USA 08)
  • 16. April, 20 Uhr, Filmforum: FALLING FOR CAROLINE (CAN 08), EDIE & THEA (USA 09)
  • 16. April, 22 Uhr, Odeon 2: MARIE (D 08), ASYLUM (CAN 08), ALLIGATOR (ISR 09), NEBENAN (D 09), I KISSED A GIRL (F 09)
  • 17. April, 15 Uhr, Filmforum: BALKAN QUEER PRIDE (Podiumsdiskussion)
  • 17. April, 17:30 Uhr, Filmforum: NUMEROLOGY (CAN 09), WORKING ON IT (D/CH 08)
  • 17. April, 22 Uhr, Filmpalette: DIRTY DIARIES: ON YOUR BACK WOMAN (S 09), CHAMPION (USA 08)
  • 18. April, 14 Uhr, Filmpalette: DYKE PUSSY (CAN 08), THE OWLS (USA 09)
  • 18. April, 16 Uhr, Odeon 2: Trans² - Queere Geschlechter in der japanischen Popkul-tur (Vortrag mit Filmausschnitten von Uli Meyer)

Literatur zum Nach- und Weiterlesen:
Butler, Judith: Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität, in: Kraß, Andreas (Hg.): Queer Denken. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies), Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003, S. 144-168.
Hark, Sabine: Queer Studies, in: Braun, Christina von/Stephan, Inge: Gender@Wissen. Ein Handbuch der Gender-Theorien, Köln/ Weimar/ Wien: Böhlau 2005, S. 285-303.
Kraß, Andreas: Queer Studies – eine Einführung, in: Ders. (Hg.): Queer Denken. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies), Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003, S. 7-28.

Links:
http://www.playgender.de/ (queere Initiative im Kulturbunker in Köln)

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Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 15. April 2010 um 16:48 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen.

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