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Homosexualität auf dem Balkan - Interview mit Yana Buhrer Tavanier

yanaIm Rahmen der Sektion begehrt! veranstaltet das IFFF am 17.04.2010 die Paneldiskussion „Balkan Queer Pride“. Marija Savić, Yana Buhrer Tavanier und Dana Budisavljević informieren über Queer Festivals und Queer Filmmaking auf dem Balkan. Yana Buhrer Tavanier ist Jornalistin und lebt in Sofia in Bulgarien. Im Interview berichtet sie über die aktuelle Situation von Lesben und Schwulen in Bulgarien und den Kampf der Homosexuellen um Gleichberechtigung.

Tina Reymann: Warum interessieren Sie sich für das Thema Homosexualität auf dem Balkan?
Ich bin seit 12 Jahren Journalistin und schreibe hauptsächlich über gesellschaftliche Themen. Im Moment bin ich Kampagnenleiterin beim „Bulgarian Helsinki Committee“ (einer unabhängigen NGO zum Schutz der Menschenrechte, Anm. d. Red.) und habe generell ein großes Interesse an allem, was sich um Menschenrechte dreht. Ich kann mir nichts vorstellen, das wichtiger ist als Menschenrechte. Im letzten Jahr war ich Repräsentantin der „Bulgarian Activist Alliance“ (BAA), einer informellen Gruppe von Aktivisten, die sich für die Menschenrechte einsetzen, mit einem Fokus auf LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Anm. d. Red.), Menschen mit Behinderung, Frauenrechte, Medienethik. Neben unseren Bemühungen, auf Probleme aufmerksam zu machen, und unseren Briefkampagnen hat die BAA 2009 die zweite „Bulgarian Gay Pride“ mitorganisiert. Einige Mitglieder der BAA bereiten auch die diesjährige „Bulgarian Gay Pride“ vor. Das ist ein äußerst wichtiger Kampf. Zwar hat sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs vieles getan und viele Dinge gehen schneller voran, aber in Bezug auf die Durchsetzung von Rechten für Homosexuelle hinken die Länder des Balkans gefährlich hinterher.

Können Schwule und Lesben in Bulgarien ihre Sexualität offen ausleben? Sind sie in der Öffentlichkeit überhaupt sichtbar?
Sichtbar – nein. Sichtbarer als vor 20 Jahren – ja. Die meisten Leute sind immer noch nicht bereit, sich vor ihren Familien und Kollegen zu outen. Ein homosexuelles Paar zeigt seine Liebe auch nicht so in der Öffentlichkeit, wie es ein heterosexuelles Paar tun würde. So etwas ist traurig, es ist nicht akzeptabel und gleichzeitig kann man es verstehen – die Stigmatisierung und Diskriminierung von LGBT ist immer noch enorm. Bei der ersten Gay Pride in Sofia 2008 sind Molotow-Cocktails auf die Teilnehmer geworfen worden. Die Polizei hat ihr Bestes geleistet, aber das war insgesamt schon ungeheuerlich und beängstigend. Dass auf dem Balkan überhaupt Gay Prides veranstaltet werden, ist schon großartig – obwohl Leute immer noch verprügelt und angeschrien werden. Die Leute gehen trotzdem raus und setzen sich für ihre Rechte ein. Die Gay Prides auf dem Balkan sind immer noch keine Parties. Sie sind ein Teil des Kampfes.

Was sind die Gründe für Homophobie und Intoleranz?
Die Leute wissen es einfach nicht besser. Sie interessieren sich nicht dafür. Angst. Engstirnigkeit. Einfach Dummheit. Der „religiöse Faktor” spielt auch eine Rolle. Der „nations in trasition factor” ebenso, wo Minderheiten zu Sündenböcken für soziale Ungerechtigkeit gemacht werden. Das alles geht natürlich einher mit fehlender Kenntnis über Homosexualität.

Was sind die Argumente gegen Homosexuelle und wie setzen Sie sich dagegen zur Wehr?
Die Argumente sind seit Jahren immer dieselben gewesen und natürlich sind sie absolut lächerlich. Es heißt, homosexuell zu sein, sei unnatürlich, und deshalb müsse Homosexualität behandelt und könne nicht akzeptiert werden. Eines meiner liebsten Gegenargumente ist, dass wir dann alle „unnatürlichen“ Dinge verbieten sollten – zum Beispiel Brillen oder Nylon. Selbstverständlich tragen die Aktivisten die Menschenrechte wie ein Schwert vor sich her. Aber wir haben mit den Jahren festgestellt, dass es nicht reicht, nur über die Menschenrechte zu reden (oder vielmehr zu schreien). Fotografie, Film, Theater – Kunst ist die beste Sprache um soziale Botschaften zu übermitteln.

Gibt es Gesetze, die Homosexuelle schützen?
In Bulgarien gibt es ein Anti-Diskriminierungsgesetz, das auf dem Papier sehr gut aussieht. Die Kommission, die das Gesetz eingeführt hat, hat einige gute Entscheidungen getroffen. Trotzdem gibt es noch SEHR viel mehr, was getan werden müsste, aber ich bin da zuversichtlich.

Werden im Fernsehen Filme oder Serien gezeigt, die sich hauptsächlich um schwules oder lesbisches Leben drehen?
Ja, „The L Word” lief im bulgarischen Fernsehen. Ebenso „Queer eye for the straight guy”. Das ist, ehrlich gesagt, kam zu glauben.

Wie wichtig sind die Massenmedien? Wird zum Beispiel objektiv über Gay Prides berichtet?
Die Massenmedien könnten wesentlich zur Heilung beitragen, aber bedauerlicherweise sind sie Teil der Krankheit. In der Regel sind in Bulgarien Beiträge über LGBT falsch, sensationsgeil, mangelhaft und oberflächlich. Es gibt ein paar Ausnahmen, aber die sind dürftig.

Sind Homosexualität und Homophobie überhaupt Themen in den Massenmedien?
In der Boulevardpresse ist Homosexualität ein Thema. Homophobie taucht nirgendwo auf. Damit lassen sich keine Zeitungen verkaufen. Und schlechter Journalismus – etwas, das auf dem Balkan bestens gedeiht – sieht sich nicht in der Verantwortung und informiert die Menschen nicht.

Gibt es prominente MusikerInnen, SchauspielerInnen oder PolitikerInnen, die sich öffentlich geoutet haben?
Einer der erfolgreichsten Folk-Pop-Stars aus Bulgarien, Azis, hat sich als schwul geoutet. Vielleicht hat er ein bißchen zur Akzeptanz von Schwulen beigetragen, aber tatsächlich tanzen die gleichen Leute zu seinen Songs, die auch erzählen, dass sie „Schwuchteln hassen”. Er ist mehr ein Entertainer als ein Vorbild. Manche Promis haben sich geoutet, aber die meisten nicht.

In Slowenien könnte bald ein Gesetz verabschiedet werden, dass Homosexuellen die Ehe und die Adoption von Kindern ermöglichen würde. Könnte Slowenien mit diesem Gleichstellungsgesetz einen Stein ins Rollen bringen und zum Vorbild für andere Staaten des Balkans werden?
Das will ich schwer hoffen. Obwohl wir sehr deutlich gesehen haben, das man mit Rechten, die die Gleichstellung vorantreiben, Wahlen verliert. Es ist ein langer und harter Kampf, um es milde auszudrücken, aber es ist ein Kampf, den wir gewinnen werden.

Das Interview wurde gekürzt und aus dem Englischen übersetzt von Tina Reymann.

Mehr über Yana Buhrer Tavanier:
http://dumpinggroundsforpeople.wordpress.com

Yana Buhrer Tavanier wird am Samstag, den 17.04. 2010, im Filmforum um 15 Uhr an der Paneldiskussion „Balkan Queer Pride“ teilnehmen, die mit dem Dokumentarfilm „Queer Sarajevo Festival“ eingeleitet wird.

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 16. April 2010 um 11:12 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Inside Festival, Interviews abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen.

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