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Silent Voices – ein Episodenfilm nimmt das Episodische wörtlich

Eine Episode kann ein flüchtiges Ereignis innerhalb eines größeren Geschehens sein. Diese Definition von Episode teilen jene Filme, die zunächst einzelne Handlungsstränge scheinbar zusammenhangslos nebeneinander stellen. Im Verlauf des Films wird jedoch üblicherweise ein Gesamtzusammenhang erkennbar, der alle Storylines miteinander verbindet und dem diffusen Nebeneinander so einen finalen Sinn gibt. Als Beispiel kann hier „Babel“ von Alejandro González Iñárritu genannt werden. Léa Fehners Film „Silent Voices“ – der am Samstag im Debut-Spilefilmwettbewerb läuft – folgt jedoch einem anderen erzählerischen Prinzip.

Die Handlungsstränge, in deren Zentrum die drei Protagonist_innen Stéphane, Zohra und Laure stehen, streifen sich nur flüchtig, bevor sie wieder auseinander laufen. Die Figuren befinden sich zwar zu einem bestimmten Zeitpunkt am selben Ort, nämlich im Besuchsraum eines Gefängnisses, bleiben dabei jedoch bis zum Ende Fremde. So betont „Silent Voices“ das Bruchstückhafte, das Nebeneinander des Episodischen.

Der Film hebt allerdings noch eine weitere Bedeutung von Episode hervor: ein Zwischenstück, wie es das bei Dramen oder Romanen gibt. „Silent Voices“ zeigt Figuren, die versuchen, im Zwischenmenschlichen etwas zu entdecken, die versuchen, eine Verbindung mit ihrem Gegenüber zu finden oder einzugehen. Diese Zwischen-Handlungen thematisiert der Film allerdings nicht bloß über die klassischen Schuss/Gegenschuss-Montage, die die Anwesenheit der Kamera unsichtbar macht, sondern setzt die mediale Verfasstheit des Dialogischen in Szene. Auf dem Bild (oben) sehen wir einen Dialog zwischen zwei sich Anblickenden: zwischen Stéphane und seiner Freundin. Der Film macht dabei hier über das Medium des Spiegels deutlich, dass ein vermittelndes Drittes – der Spiegel – gleichsam anwesend ist. Intersubjektivität wird hier nicht als dyadisches Modell zwischen Zweien gezeigt, sondern als triadisches Modell, das die Anwesenheit eines Dritten immer schon mit einschließt. Dieses Dritte könnte in den Begrifflichkeiten Jacques Lacans gefasst werden: Der große Andere, Platzhalter für die symbolische Ordnung als Ort der Sprache und Normen, kann als Drittes verstanden werden, das bereits als sprachlicher Code in der Mutter-Kind-Dyade präsent ist. Auch das Ich denkt Lacan als Zweiheit, die ein Drittes braucht: Im „Spiegelstadium“ versucht sich das Kind (Ego) mit seinem Spiegelbild (Alter Ego) zu identifizieren, im Bereich des Imaginären ein Ich zu bilden. Doch erst durch die Sprache der vorgängigen symbolischen Ordnung wird es zum Subjekt, das in der Lage ist, mit anderen zu interagieren.

Das Dritte kann auch Gesellschaft oder als Institution gedacht werden, wie „Silent Voices“ vorführt: Der Besuchsraum des Gefängnisses ist in Zellen unterteilt, die durch einen Mittelgang verbunden und zu ihm offen sind. Auf der anderen Seite werden die Besuchszellen durch Türen mit Sichtfenstern begrenzt, hinter denen sich irgendwo der Ausgang aus dem Gefängnis befindet. Durch den Mittelgang läuft ein kontrollierender Wachmann. Die Besuchsräume für intime Zwiegespräche sind also zu beiden Seiten einsehbar und gleichzeitig Transiträume zwischen drinnen und draußen.

Bei Laure, die ihren Freund besucht, ist der Dritte, ein sie begleitender Erwachsener, die Voraussetzung ihres Besuchs darstellt. In einer anderen Sequenz beobachtet und bezeugt die Kamera ‚selbstständig’, losgelöst von den Hauptfiguren, die vorgefundenen Dialoge in den anderen Zellen: die Kamera ist hier der/die/das Dritte und als eben solche/s sichtbar.

Um nicht zu viel vorwegzunehmen, Stéphanes, Zohras und Laures Geschichten nicht schon zu verraten, wird hier auf Inhaltliches verzichtet und auf die deutsche Premiere des Debüt-Wettbewerbsbeitrages QUUN SEUL TIENNE ET LES AUTRES SUIVRONT (SILENT VOICES) am 17.04.10 um 20:00 Uhr im Odeon 1 verwiesen.

(Tim Christmann)

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Der Beitrag wurde am Samstag, den 17. April 2010 um 10:51 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen.

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