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Auf dem Balkan: Traditionelles Geschlechterverhältnis war gestern

Tradition hin oder her: Die Frauen aus den Balkanländern ergreifen zunehmend Eigeninitiative in Sachen Lebensunterhalt ihrer Familie. Jahrzehntelang hüteten sie üblicherweise Herd und Kinder, während die Männer ihrer Heimat den Rücken kehrten, um als Arbeitsmigranten im Westen den Familienunterhalt zu sichern. Aber das Blatt hat sich gewendet: Seit 1990 sind es häufig die Frauen, die ihre Heimatländer verlassen, um sich im Ausland Arbeit zu suchen. Und es werden immer mehr.


Die Zeiten, in denen die Frauen auf dem Balkan den heimischen Herd in Gang hielten und Söhne großzogen, die später einmal  ihren Lebensunterhalt im Westen verdienen sollten, sind offenbar vorbei. Heutzutage sind es die Frauen, die Heim und Herd verlassen und in den Westen gehen – „Emanzipation im Osten“ nennt man das.

Zwar werden weiterhin viele Kinder geboren, und auch weiterhin mit viel Liebe großgezogen. Doch es gibt einen kleinen, aber feinen Unterschied: Heute können sich viele Frauen auf dem Balkan von dem im Westen verdienten Geld eine Kinderfrau leisten. Und die Männer? Gehen weiterhin in ihren jeweiligen Heimatländern auf dem Balkan arbeiten. Wenn nicht, dann sind sie diejenigen, die sich nun um die Kinder kümmern müssen. Frau liefert Geld, Mann hütet Kinder: Traditionelles Geschlechterverhältnis war gestern.

Eine Emanzipation der Frauen nach westlichem Muster gab es auf dem Balkan aber nicht. Die Emanzipation entwickelte sich eher aus privaten Notwendigkeiten, aus den Zwängen der Haushaltsführung und Kindererziehung.

Kind & Berufstätigkeit – die Familie macht es möglich

Kind und Karriere, das eine schließt das andere nicht aus. „Familiäre Unterstützung“ heißt das Zauberwort. Großeltern warten darauf, die Enkelkinder zu hüten und zu erziehen. Westlichen Familien sagt man auf dem Balkan nach, dass es bei ihnen an solch innerfamiliärer Unterstützung fehlt. Ein Vorwurf, der beispielsweise all den West-Großeltern Unrecht tut, die gewillt wären, ihre Töchter (oder Söhne) zu entlasten, aber noch den eigenen Lebensunterhalt verdienen müssen.

Eine gute Ausbildung ist das A & O für einen Karrierestart. Auf dem Balkan entscheiden sich viele junge Frauen für ein Hochschulstudium oder eine andere qualifizierte Ausbildung, um aus der Perspektivlosigkeit auszubrechen. Der Wunsch nach finanziellem Auskommen, nach sozialem Aufstieg und besseren Lebensbedingungen sind die Gründe für berufliche Ambitionen der jungen Frauen in den Balkanländern.

Und was sagen die Männer dazu?

Viele Männer respektieren das. Viele aber auch nicht. Im Gegensatz zum Balkan wird vielen Frauen im Westen der Berufsweg schon früh von den Eltern vorgezeichnet: Rechtsanwältin oder Ärztin soll die eigene Tochter einmal werden. Im Osten sah das bis vor kurzer Zeit noch anders aus. Da hieß es: „Kind, du musst einmal in der Lage sein, einen Haushalt und eine Familie zu betreuen!“
Das Blatt hat sich aber auch dort gewendet: In den Familien sind es nun zunehmend die Frauen, die Kontakte, Einfluss und das bessere Gehalt haben. Viele Ehefrauen und Mütter lassen ihren Erfolg im Job vor der Haustüre, so wie sie ihre Schuhe ausziehen, wenn sie die Wohnung betreten. Vielfach gilt es noch als unangebracht, dass Frauen zu Hause vom Alltag im Job, von Erfolgen jenseits von Kind und Küche, erzählen. Männer hingegen erzählen nur zu gern, wie ihr Tag verlief. Die Frau mag zwar die Hauptverdienerin sein, aber der Mann ist und bleibt das traditionelle Familienoberhaupt. Privat- und Berufsleben der „balkanesischen“ Frau wird strikt getrennt – und das ist durchaus gewollt. Eheliche Konflikte sind so programmiert, oft scheitern hieran Ehen.

Das Erfolgsrezept: Gute Ausbildung und gutes Aussehen?

Frauen vom Balkan wird im Westen oft nachgesagt, ihnen sei das äußere Erscheinungsbild wichtiger als eine gute Schulbildung und eine Karriere im Job. Alles nur Klischee? Schon als kleines Mädchen wird dort vielen Frauen von ihren Müttern und Großmüttern gesagt, dass das Aussehen wichtig sei, um später einmal Erfolg im Job zu haben. Aussehen, Aufrichtigkeit und Anstand seien die Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft, Schönheit öffne alle Türen – im Job und im Privatleben. Frauen auf dem Balkan sind davon überzeugt, dass das Erscheinungsbild einer Frau sehr wichtig ist.

Der Run um gute Jobs

Der Weg in den Westen bedeutet für diese Frauen noch längst nicht, dass sie hier auch einen gut bezahlten Job finden. Im Run auf die Top-Jobs in Unternehmen müssen sie mit westlichen Bewerberinnen konkurrieren. Das führt dazu, dass die Balkan-Frauen oft Jobs als Kindermädchen, Kellnerin, einfache Pflegehilfe oder Haushaltshilfe annehmen müssen. Nach Karriere klingt das zwar nicht, ist aber oftmals eine der wenigen Möglichkeiten, Geld zu verdienen, das frau dann in die Heimat schicken kann.
Besonderer Respekt also all denjenigen Frauen aus den Ländern des Balkan, die den beruflichen Erfolg geschafft haben. Einige von ihnen sind in diesen Tagen unsere Gäste: die Regisseurinnen, Kamerafrauen, Filmmusikerinnen und andere Filmschaffende auf dem IFFF 2010 Dortmund|Köln.

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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 18. April 2010 um 23:56 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Outside Festival, Thema Freiheit abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen.

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