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Kind und Karriere - Vom Dreh mit Kind

0532Eine spannende Diskussion boten die Teilnehmerinnen der „Podiumsdiskussion: Der Dreh mit dem Kind” diesen Sonntagvormittag den Zuschauern im Filmforum NRW im Museum Ludwig. Das hochkarätig besetzte Podium verstand es, die Problematik der Vereinbarkeit von Kind und Beruf in der nur bedingt als familienfreundlich bekannten Filmbranche zu veranschaulichen. Moderiert wurde die Runde von der kurzfristig für Heike-Melba Fendel eingesprungenen Moderatorin Sylke Blume.

Kind und Beruf miteinander zu vereinbaren, ist für Frauen nach wie vor ein großes Problem. Auf der einen Seite wollen die gut ausgebildeten Frauen ihrem Kinderwunsch nachkommen, auf der anderen Seite aber auch in ihrem Beruf Erfüllung finden, auf dessen Ausführung hin sie lange Studien- und Lehrzeiten in Kauf genommen haben.
In der Filmbranche, die auch ohne Mutterfreuden schon ein raues Pflaster ist, ergeben sich zusätzliche Probleme: Wo bringe ich mein Kind unter, wenn ich diesen Sommer für vier Wochen in Vietnam drehe? Wer kümmert sich, wenn ich auf der Berlinale und in Cannes meine Kontakte pflege oder meinen neuesten Film vorstellen muss, um mein Kind?

“Kind an der Frau”

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Die Anwesenden, alle Mütter und Filmschaffende, haben da ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht: Als Iris Gusner (Regie & Drehbuch) ihr Regiestudium an der Moskauer Filmhochschule in den 1960er Jahren absolvierte, konnte sie noch auf das gut ausgebaute Betreuungsangebot des russischen Staates bauen. „Im Studium war die Kinderbetreuung kein Problem.“ Erst als sie in die DDR zurückkehrte, verlebte sie „zwei, drei harte Jahre“. Ohne Mann, Wohnung und russische Kinderfrau stand sie nahezu mittellos da und musste bei ihrer Tante einziehen. Die Situation entspannte sich, als sie bei der DEFA festangestellt wurde. Trotzdem hatte sie kaum die Freiheit, ein Projekt der Kinder wegen zu verschieben. Der Dreh ging vor, auch wenn der lange geplante Sommerurlaub dann ohne die Mutter stattfinden musste.

Mehr Freiheiten können sich die Filmemacherinnen der jüngeren Generation herausnehmen, Bettina Brokemper (Produzentin) bevorzugte die Variante „Kind an der Frau“. Bei ihren Terminen in Cannes, bei beiden Kindern die Zeit, in der sie noch gestillt wurden, konnte sie sich zwischen den Terminen mit Hilfe ihres Partners immer wieder Freiräume schaffen, in denen sie Sohn und Tochter stillte. Bei der Berlinale setzte sie ebenfalls auf das bewährte Betreuungs-Modell, in dem auch ihre Mutter eine wichtige Rolle spielte. Eine Zeitlang nahm sie ihre Kinder auch mit ins Büro, bevor sie von einer Tagesmutter betreut wurden.

Der Dreh ging vor

Eine weitere Besonderheit ergibt sich für Frauen während der Schwangerschaft. Schwangere Frauen, das bestätigten alle Teilnehmerinnen, können zu einem Risiko für Filmproduktionen werden. Nachdem Vanessa Jopp (Regie & Drehbuch) die Regie für den Tatort „Der schwarze Troll“ übernommen hatte und schwanger wurde, musste eigens ein Co-Regisseur angestellt werden, der für den Fall einer Schwangerschafts-Komplikation für sie eingesprungen wäre. Auch für Sonja Rom (DOP) wurde eigens ein Operator eingestellt, der sie am Set hätte vertreten können. In beiden Fällen ergeben sich Mehrkosten, die FilmproduzentInnen gerne scheuen. Auch ist das Versichern von Schwangeren am Filmset nur schwer möglich.

0662Neben dem rechten Zeitmanagment ist auch eine große Portion Flexibilität erforderlich: „Ich habe oft in irgendeinem Waggon an der Steckdose gesessen und abgepumpt, während das Team draußen auf mich gewartet hat,“ erinnert sich Rom an die Notwendigkeit, sich während der Stillzeit,ohne zu nährendes Baby, der überschüssigen Muttermilch zu entledigen.

In jedem Fall, und auch das war allen Teilnehmern gemein, stellt sich immer wieder das schlechte Gewissen ein, das fragt, ob beim persönlichen „Egotrip“ das Kind zu kurz kommen würde. Auch für Barbara Albert (Regie & Drehbuch) stellte sich die Frage, wie sie die nur schwer miteinander vereinbaren inneren Pole der Mutter und Regisseurin miteinander in Einklang bringen könne. Ein ausgeklügelter Zeitplaner hilft ihr, die Betreuung des Kindes gemeinsam mit ihrem Mann zu organisieren und ihrem Beruf weiter nachgehen zu können.

Deutlich wurde im Verlauf der Diskussion, dass sich in Fragen der Familienfreundlichkeit, v.a. im deutschen Filmbusiness, noch einiges tun muss. Löbliche Ausnahmen, wie die Kita der Geißendörfer Film und Fernsehproduktion (Lindenstraße), bilden die Ausnahme, sind bei befristeten Spielfilmproduktionen aber nur schwer anwendbar.

Lösungsvorschläge kommen wie so oft von den skandinavischen Nachbarn. Die Produktionen dauern hier länger und bieten geringere Tagesgagen, sind dafür aber auf acht Stunden Dreh täglich begrenzt. Auch die Wochenenden stehen dem Team zur freien Verfügung und lassen so Zeit für ein Familienleben.

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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 18. April 2010 um 22:45 Uhr veröffentlicht und wurde unter Inside Festival abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen.

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