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Zwei Festivals, zwei Kulturen – aber die Seele ist gleich

Hatice Caner liebt deutsche Weihnachten, einen Stuttgarter Islamwissenschaftler, der an der Istanbuler Universität lehrt – und Filme von türkischen Frauen. Sie betreut das Istanbuler  Frauenfilmfestival und ist zu Gast beim Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund|Köln. So unterschiedlich die beiden Festivals auch sind, sie verfolgen das gleiche Ziel, sagt Hatice Caner: Frauen im Filmbusiness voranzubringen. Hatice Caner hat uns ein Interview gegeben.

Festivalblog: Das Frauenfilmfestival in Istanbul heißt „Filmmor”. Was bedeutet dieser Name?

Hatice Caner: „Mor” heißt übersetzt violett, das ist die Farbe der Feministinnen. Hinter der Farbe  violett steckt immer eine Feministin. Auch die Häuser, in denen die Frauen zusammenkommen, nennt man Morevi, violettes Haus.

Wie kam es zu Ihrer Mitarbeit beim Filmmor-Festival, und was sind Ihre Hauptaufgaben?

Ich habe mich schon immer leidenschaftlich für die Rechte der Frauen in der Türkei eingesetzt. 2006 kam eine Freundin auf mich zu und hat mir von der Grundidee des Festivals erzählt. Ich war sofort dabei, und seit dem mache ich mich für das Festival stark. Ich bin hauptsächlich für die Auswahl der Filme zuständig, und auch das Betreuen der Regisseurinnen fällt in meinen Aufgabengebiet. Wir sind eine kleine Gruppe von vier bis fünf Mitarbeitern, und davon arbeiten drei ehrenamtlich.

Woher holt sich das Festival in Istanbul Unterstützung?

Da das Interesse der Türkei noch immer  groß ist, der  EU beizutreten, erfahren wir kräftige Unterstützung durch den Kulturminister, aber auch andere Institutionen greifen uns unter die Arme. Oft bitten wir auch die Konsulate der anderen Länder um Mithilfe und Zusammenarbeit, denn durch ihre Mitarbeit können Filmemacherinnen oder Gäste anderer Länder einfliegen, ohne dass großartige Probleme entstehen. Auch das Goethe-Institut, das ja weltweit tätig ist, bietet uns jedes Jahr seine Hilfe an.  Wir können uns glücklich schätzen mit so viel Unterstützung an unserer Seite.

Von 12. März bis 18. April fand dieses Jahr zum achten Mal „Filmmor” in  Istanbul statt. Können Sie uns vielleicht ein paar Gemeinsamkeiten und auch Unterschiede im Vergleich zum IFFF Dortmund|Köln nennen?

Ja, es gibt paar Unterschiede, die ich ganz schnell feststellen konnte. Unser Festival wird auch „spazierendes Festival” genannt, da das Festival zwar in Istanbul stattfindet, jedoch wählen wir jedes Jahr zwei bis drei weitere türkische Städte aus, in denen wir  uns dann mit  Filmen vorstellen, die wir extra dafür auswählen.Dadurch möchten wir auch Frauen außerhalb Istanbuls erreichen und animieren. Dieses Jahr zum Beispiel waren wir in Kars und in Sinop. Darüber hinaus haben wir 2010 mit dem Frauenfilmfestival in Créteil/Paris zusammengearbeitet und vom 31. März bis zum 6. April waren die Filme der türkischen Filmemacherinnen in Frankreich vertreten.

Finden bei Ihnen auch Wettbewerbe statt?

Nein, bei uns finden keine Wettbewerbe statt. Wir möchten nicht, das Frauen untereinander konkurrieren. Das Festival soll vor allem dem Networking dienen.

Beim Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund|Köln wird jedes Jahr der Fokus auf ein anderes Thema oder eine andere Region gelegt. Ein filmisches Highlight dieses Jahr ist der Länderschwerpunkt Rund um den Balkan. Hat das Festival in Istanbul eine ähnliche Vorgehensweise?

Selbstverständlich möchten wir auch in Istanbul das Kinopublikum jedes Jahr durch Vielfältigkeit begeistern und deshalb versuchen wir, uns immer wieder neue Themen einfallen zu lassen. Meiner Meinung nach sollte ein Festival immer eine Aussage haben, um Menschen zum Nachdenken zu bringen. Dieses Jahr wollten wir mit der Aussage „UMUT KADINLARDA – Die Hoffnung ist in der Frau” Frauen Mut machen, die ihre Hoffnung verloren haben. Dazu haben wir Filme ausgewählt, aus denen Frauen wieder Hoffnung schöpfen können. Ich bin der Meinung, dass wir durch Festivals viele geschlossene Augen wieder öffnen können. Durch Themen wie „Die Ehre einer Frau” oder „Ehrenmord in der Türkei” sorgen wir für viel Trouble, dennoch möchten wir diese Themen in der Türkei zur Diskussion stellen, damit unsere Frauen sich weiterbilden können.

Bieten Sie auch Workshops an?

Natürlich kann man sich bei uns auch an Workshops beteiligen, die wir den Frauen anbieten, die sich für das Filmemachen interessieren. Auch wir möchten, dass die Absolventinnen der Filmschulen nicht nur in der Küche einer Filmproduktion landen, wie es oft der Fall ist. Diese Frauen finden in der männerdominierenden Branche keinen Einstieg, daher möchten wir ihnen, soweit es geht, nahebringen, dass sie sich damit nicht zufrieden geben sollen. Frauen müssen dagegen antreten. Filmmor ist nicht nur ein Festival, sondern auch eine Filmproduktion, dessen Film während des Festivals Premiere haben wird. Dieses Jahr hat das Team von Filmmor einen Dokumentarfilm über das Frauenbild in den 60er und 70er Jahren gedreht. Das Frauenbild damals war so, dass der Regisseur in seinen Filmen Frauen so dargestellt hat, wie er sie gern haben wollte. Also nur aus der Sicht der Männer. Die Frauen in diesen besagten Filmen waren nur als Hausfrau und Mutter zu sehen. Sie waren da, um unterdrückt zu werden. Diesem Klischee möchten wir ein Ende bereiten

Wie reagieren konservative Männer in der Türkei auf ein Festival, das ausschließlich den Frauen gewidmet ist?

Hmmm (lacht). Also, das Amüsante an der Sache ist, dass manche Männer sich ihr eigenes Bild machen. Das heißt, sie gehen davon aus, dass es sich um Filme handelt, die von Frauen nur für Frauen gemacht werden. Und dann wundern sie sich, wenn sich dieser vermeintliche “Frauenfilm” sich auf türkische Politik konzentriert. Sie kommen dann mit Aussagen wie: „Was bitte hat denn Politik mit Frauen zu tun? Wir dachten, bei diesem Festival geht es nur um Frauenfilme. Wie kann denn eine Frau einen Film über Politik drehen?” Jedes Jahr müssen wir uns mit solchen Vorurteilen von Männern auseinandersetzen. Männer haben eine eigene Vorstellung von den Grenzen der Frauen und diese dürfen nicht überschritten werden. Aber genau das bestärkt uns, weiter zu machen. Zwar bemerke ich viele Unterschiede zwischen den beiden Festivals, aber die Seele jedes Frauenfilmfestivals ist gleich.

Nähere Informationen erhalten Sie unter: http://www.filmmor.org/

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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 18. April 2010 um 11:53 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, Interviews abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen.

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